Ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern am Arbeitsplatz: Brauchen wir positive Diskriminierung?

WEgate team

Ich habe vor kurzem an einem den Frauen gewidmeten Bürgerdialog mit dem Titel „Women innovate – Europe gains!“ (Innovation durch Frauen – ein Gewinn für Europa!) teilgenommen.  Während ich Kommissar Moedas und der inspirierenden Saskia Van Uffelen (CEO Belux bei Ericsson) zuhörte und durch den neuesten Bericht der Kommission zur Gleichstellung von Männern und Frauen blätterte, geriet ich ins Nachdenken…

 

Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist ein Grundrecht und eines der Gründungsprinzipien der Europäischen Union. Die Gleichstellung der Geschlechter ist nicht mehr nur eine Frage der Fairness – wir benötigen Vielfalt, um wettbewerbsfähig zu sein. Man geht davon aus, dass diese Ausgewogenheit zu Arbeitsplätzen, zum Wachstum, zur Fairness und zum demokratischen Wandel beiträgt.

 

Und obwohl sich das Geschlechtergefälle in den letzten Jahrzehnten (langsam) verringert hat, zeigt der „EU-Bericht zur Gleichstellung von Frauen und Männern 2014“ doch, dass es mit dem aktuellen Tempo „weitere 70 Jahre dauern würde, um die Gleichstellung von Männern und Frauen zu erreichen.“

 

Frauen machen 46 % der erwerbstätigen Arbeitskräfte, aber weniger als ein Viertel der Unternehmensvorstandsmitglieder aus. Und auch wenn die Statistik zeigt, dass Männer häufiger die Schule abbrechen und Frauen mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Hochschulausbildung abschließen, sind diese Letzteren tendenziell in schlechter bezahlten Sektoren konzentriert.

 

Frauen scheinen auch in denselben – traditionell eher weiblich besetzten – Bereichen wie Kunst, Geisteswissenschaften, Gesundheitswesen und Unterricht „hängenzubleiben“. Und diejenigen, die dann tatsächlich einen Abschluss in den sogenannten „Männerdomänen“ machen, z. B. Naturwissenschaft, Mathematik, Ingenieurwesen und Technologie, sind mit geringerer Wahrscheinlichkeit in diesen Bereichen tätig. Das Gefälle zeigt sich sogar in der Bezahlung: Für jeden Euro, den Männer in der EU gezahlt bekommen, erhalten Frauen nur 84 Cent, unabhängig von Beruf oder Bildungsniveau.

 

Wieso sind nur 30 % der Unternehmensgründer Frauen?  Warum sind 77 % der Oscar-Voter Männer? Warum betrug im Jahr 2012 das geschlechtsbedingte Rentengefälle 39 %? Und vor allem: Wie können wir am Arbeitsplatz ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern erreichen?

 

Wie der EU-Kommissar für Forschung, Innovation und Wissenschaft Carlos Moedas während des Bürgerdialogs in Brüssel erläuterte, versucht die EU, voranzugehen – die Festlegung einer Mindestquote von 40 % Frauen in Sachverständigengruppen sei nur ein Beispiel. Er unterstrich auch, wie wichtig es für Teams sei, das ausgewogene Verhältnis von Frauen und Männern bei der Antragstellung für Finanzierungsprogramme (z. B. Horizont 2020) zu beachten. Und er erklärte, dies diene ausschließlich als Anreiz für den Erhalt von Beihilfen, da keine Sanktionen auferlegt würden.

 

Auf die Frage, welche konkreten Schritte die EU ergreife, um die Lage in Unternehmen zu ändern, antwortete Kommissar Moedas, es falle nicht alles in den Zuständigkeitsbereich der EU: Die EU könne bei Ausarbeitung nationaler Gleichstellungspläne die Richtung vorgeben, Mentoring anbieten und Ziele festlegen. Aber ein gängiges Problem besteht darin, einen gemeinsamen Nenner zu finden, da ja nicht alle Kulturen dieselben Vorstellungen zum Thema Gleichstellung haben.

 

Wie können wir also ein echtes Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen in Unternehmen erreichen? Wir können nicht anfangen, Männern zu kündigen, nur weil sie Männer sind. Und benötigen wir wirklich eine positive Diskriminierung, um dieses Problem zu lösen? Während der Debatte warf Saskia Van Uffelen eine interessante Frage auf: Tragen wir nicht Probleme aus früheren Generationen in die nächste hinein? Vielleicht schaffen wir diese Diskrepanz ja gerade dadurch, dass wir ohne Unterlass bestätigen und wiederholen, dass es ein Problem gibt. Andererseits bestätigen die Zahlen, dass das Geschlechtergefälle immer noch ein großes Problem unserer Generation ist.

 

Und was das Einkommensgefälle angeht: Man sollte für die Tätigkeit bezahlt werden, die man verrichtet, nicht auf Grundlage des Geschlechts oder der Erfahrung. Es geht darum, was wir tun und wie wir es tun. Denn letztendlich gilt, wie Farshad Asl so treffend formulierte: „Führung bedeutet, anderen zu dienen, und kennt keine Bevorzugung eines Geschlechts.“